Als ich einmal cool war – Von Sacha Brohm



Ich lad mir gerne Freunde ein. Es muss gar nicht immer was Wildes anstehen. Ein paar ausgewählten Leuten Bescheid geben und dann kann es auch schon losgehen. Jeder bringt sich was zu trinken mit, was einige nicht verstehen, sie halten es für einen schlechten Scherz, dass sie sich selber um ihre Getränke kümmern sollen und später guckt man dann, ob man noch irgendwo in der Stadt herumspringt. In meiner Jugend hab ich das mit meinen Freunden jedes Wochenende gemacht, es hieß „Vorglühen“. „Vorglühen“, bevor man in die Disco oder aufs Landjugendfest geht. Das bringt immer Spaß. Leider bringt es den Menschen, die in ihrer Jugend keine Freunde hatten keinen Spaß.

Einmal hatte ich eingeladen und die Eingeladenen spalteten sich in zwei Gruppen. Die eine, kleinere Gruppe, freute sich auf den Samstag und wollte schon früh kommen, Rumquatschen und Musik hören.

Die andere, logischerweise größere Gruppe wollte zwar auch kommen, jedoch erst später, denn die in Berlin lebende, kanadische Elektro-Rock Performancekünstlerin Peaches lungerte in der Stadt herum und versprach ein tolles Konzert am gleichen Abend. Das hatte ich übersehen, als ich meine Freunde eingeladen hatte. Eigentlich wäre ich selber gerne zu Peaches gegangen. Ich konnte nun aber nicht der kleinen Gruppe von Gästen auf einem Zettelchen an der Haustür mitteilen, dass sie später wiederkommen sollen, weil ich gerade bei Peaches bin. Das ging nicht. Also erklärte ich die kanadische Sängerin in den Tagen vor der kleinen Party als vollkommen überbewertet und langweilig. Immer diese vermeintlich provokative Sache mit dem Gummipenis und das blöde Rumgeschreie, das geht einem ja echt auf die Eier. Alle habe ich damit genervt, um ihnen das Konzert madig zu machen aber niemand verstand es. Die ganze Stadt sprach von nichts anderem als diesem blöden Konzert.

Als der Samstag dann kam war ich richtig supersauer, versteckte meine Supersaurigkeit aber hinter einem Lächeln und nach einigen Minuten freute ich mich über die Gäste, die nicht auf das Konzert gegangen waren. Es waren nur eine handvoll Freunde aber wir hatten Spaß und hörten sogar einige Stücke von Peaches. Danach schimpften wir über sie und die Leute, die unbedingt zum Konzert gehen wollten.

So verging die Zeit sehr schnell, bis gegen Mitternacht die ersten Konzertbesucher hineingelassen werden wollten. Wir verlangten nicht abgesprochene Parolen von ihnen, ließen sie aber auch rein, als sie sie nicht parat hatten. Schnell war meine kleine Wohnung voller Bekannter und das Überthema war Peaches. Alle erzählten eine kleine Geschichte zu ihr, beispielsweise, dass Peaches in ihrer Rockigkeit eine auf der Bühne stehende Bierflasche in die Menge kickte, die eine gute Freundin von mir am Kopf traf. Das hörte sich wild an und trotz meiner Abneigung gegen diese Partykaputtmacherin war ich ein bisschen neidisch auf die Geschichten. Egal, jetzt waren alle hier und es konnte gefeiert werden.

In dem Haus, in dem ich wohne ist im unteren Teil eine kleine, trendige Kneipe, in der wir oft sitzen und gucken. Man kennt die Besitzer und wenn mal die Getränke knapp werden, helfen sie einem aus. Das ist schön. Nun war auch die Besitzerin der Lokalität auf dem Konzert und kam dann zu mir. Sie spricht gerne mit Menschen und hat auf diese Weise schon tolle Leute kennen gelernt. Als sie gerade bei mir angekommen war sagte sie:

„Ich muss noch mal runter, Peaches und ihre lesbischen Tänzerinnen holen. Hast du genug Getränke?“

Sie sagte es nicht überschwänglich, deshalb dachte ich, es sei ein Scherz, weil sie von meiner aktuellen Peachesabneigung wusste. Dann ging sie hinunter zum Getränkeholen. Als sie danach wieder in meiner Wohnung auftauchte hatte sie eine kleine, dunkelhaarige Frau bei sich, die sich als Peaches vorstellte. Hinter ihr standen zwei lesbische Tänzerinnen, das sah ich auf den ersten Blick. Noch weiter dahinter hatten sich die ersten Unbekannten, durch die Musikerin aber angezogenen Partygäste eingefunden. Ich rannte kreischend durch meine kleine Wohnung und ließ jeden wissen, dass die kanadische Elektro-Rock Performancekünstlerin Peaches in der Tür steht und sich gerade bei mir vorgestellt hat.

Da guckten alle ganz blöd und taten unbeeindruckt, man merkte aber wie sich die Köpfe in Richtung Wohnungstür drehten. Dann folgten die Köpfe der kleinen, dunkelhaarigen Frau, die alle nur von der Bühne kannten. Ich beruhigte mich nach meinem kurzzeitigen Ausfall und begann einen Small Talk mit der Frau, die beinahe meine Party kaputt gemacht hätte, bevor sie hier war. Sie entschuldigte sich dafür, dass sie an dem Tag, an dem ich eine Party feiern wollte, ein Konzert gegeben hat und wir lachten. Ihre zwei lesbischen Tänzerinnen, die niemand wirklich beachtete, standen herum und als sie merkten, dass sie nicht beachtet werden, machten sie was sie wohl immer machen, wenn sie nicht beachtet werden. Sie machten auf sich aufmerksam. Sie wurden laut und hopsten durch meine Wohnung auf der Suche nach Drogen.

„Where are the drugs?“

Skandierten sie, denn sie hatten gehört, dass in dieser Wohnung ein Homosexueller wohnen sollte und in den Kreisen, in denen sie sich normalerweise herumtreiben, bedeutet das Drogen bis zum Umfallen. Ich hatte aber keine Drogen. Nur Alkohol. Peaches, die sich nun auch in die Drogenwünsche einreihte wollte Poppers oder Ecstasy. Ich hatte aber nur Alkohol. Ich zweifelte nach mehreren Jahren Ruhe mal wieder an meiner Sexualität. Ich fühlte mich erfrischend jung.

Ich versuchte der Sängerin und ihren Tänzerinnen zu erklären, dass ich diesbezüglich a very conservative gay sei. Einer aus den 50ern eher, also Drogen seien nicht so mein Ding. Da machte die anderes gewohnte Kanadierin große Augen und schrie, ich solle „off fucken.“ Wobei sie weniger gestört hat, dass ich keine Drogen hatte, sondern dass ich mich als konservativen Schwulen bezeichnet hatte. In der Schwulenszene ist sie nämlich zu Hause und wenn Homosexualität für etwas steht, dann für frischen Wind, der sich nicht einengen lässt. Die schwule Kultur lebt von ihrer Unangepasstheit und ihren wilden Strukturen. Das will ich auch gar nicht verneinen. Ich verehre all die Kämpfer, die in den letzten 100 Jahren unkonventionell für unsere Sache eingetreten sind aber ich bin eher mopsig was das angeht. Und Drogen gehören für mich in eine schwule Zeit, die ich nur aus Erzählungen kenne, damals in den 70ern in New York oder im Berlin der 20er Jahre.

Ab jetzt war Peaches nicht mehr gut auf mich zu sprechen, dabei hatte sie vorher noch gesagt, dass ich absolut nice sei und zusammen getanzt hatten wir auch. All das war nun weg und sie setzte sich zu ihren Fans in die Küche. Von dort warf sie Dinge auf die sehr nahe am Haus gelegenen Bahnschienen.

Ihre lesbischen Tänzerinnen machten das, wofür sie bezahlt werden und tanzten durch die Zimmer, schmissen Dinge um und wurden unangenehm. Wahrscheinlich, weil sie keine Drogen bekamen. Die armen Dinger. Ich überlegte, ob ich jemanden kenne, der mir Drogen besorgen könnte aber mir wollte niemand einfallen. Das kommt davon, wenn man mit Mauerblümchen befreundet ist.

Es wurde später und später, Peaches warf immer noch Dinge auf die Bahnschienen, es hatte sich schon ein kleiner Berg von Unrat auf ihnen gebildet und die Tänzerinnen wirbelten lesbisch durch die Wohnung. Eine beichtete mir später, dass sie actually, gar nicht a lesbian sei. Ich nahm mir ein Herz und machte Peaches darauf aufmerksam, dass ich es nicht gut fand, Dinge auf die Bahnschienen zu schmeißen, ich sei auch in dieser Hinsicht ein wenig konservativ. Dabei lächelte ich charmant.

Da wurde sie wild und verabschiedete sich. Sie nahm die Leute, die mit ihr gekommen waren mit und verließ die Wohnung. Ich folgte und rief ihr hinterher, dass sie mich nicht vergessen solle, ich sei der conservative gay aus Bielefeld. Sie rannte die Treppe hinunter und streckte mir ihre beiden Mittelfinger entgegen. Dann war sie weg.

Nach und nach gingen auch die letzten Gäste. Ich und mein Mitbewohner waren guter Dinge, schließlich hatten wir gerade eine Party gegeben auf der eine der angesagtesten Stars aus Berlin aufgetaucht war. Für Bielefelder Verhältnisse ganz OK.

Ich war trotzdem hin- und hergerissen, weil sie einerseits auf der Party war, andererseits hatte ich es geschafft, sie von dieser Party wegzuekeln und das ist bei einer Künstlerin, die sonst sehr robust daherkommt ziemlich bemerkenswert. Wahrscheinlich bin ich der einzige Mensch, den Peaches hasst. Das kann auch nicht jeder von sich behaupten.

In den nächsten Tagen verbreitete sich die Geschichte von meiner Party in den Straßen Bielefelds und Leute kamen auf mich zu, um mir zu gratulieren. Nicht, weil ich Peaches weggeekelt hatte, was anscheinend niemand mitbekommen hatte, sondern, weil sie auf der Party war. In diesen Tagen war ich ein bisschen cool aber das ging schnell wieder weg. Partys feiere ich jetzt immer erst, wenn ich genau weiß, wer an dem Tag in der Stadt ist, um ein Konzert zu geben. Sollten mal die Prinzen oder Ulla Meinecke ihre Lieder zum Besten geben, kann ich getrost Freunde einladen.


© Sacha Brohm