Der Prinz und der Bär – Von Sacha Brohm


Es war einmal ein junger Prinz, der war total schön und unbeliebt, denn er war Einzelkind und mußte im Haushalt nicht mithelfen. Der gesamte Hofstaat schimpfte über den eitlen Fatzken aber das Königspaar liebte seinen Sohn und verstand die üble Laune der Leute nicht. Jedoch wollten sie auch nicht, daß das Volk den zukünftigen König hasst, deshalb schickten sie den Prinzen eines schönen Tages zur Schwester der Königin, die im finsteren, unheimlichen Teil des verwunschenen Gruselwaldes lebte, um ihm Manieren beibringen zu lassen. Die Schwester hatte schon vielen ausländischen Königshäusern bei Fragen zur Etikette zur Verfügung gestanden.

Und so machte sich der junge Prinz, eher uneinsichtig als überzeugt auf den Weg zu seiner Muhme.

Auf dem Weg durch den fröhlichen, taghellen Teil des glitzernden Fantasiewaldes, der vor dem finsteren, unheimlichen Teil des verwunschenen Gruselwaldes liegt, liess es sich der junge Prinz gut gehen. Er aß leckere Erdbeeren und Wild, schwamm in einem See aus herrlichem Birnensaft und legte sich zum Schlafen auf die idyllische Glückslichtung. Aber viel zu schnell wurde es dunkel und der Faulenzer mußte sich sputen, um dem Weg zur Tante folgen zu können. Doch er schaffte es nicht mehr und verirrte sich im mittlerweile finsteren, unheimlichen Teil des verwunschenen Gruselwaldes und diesen Namen trug der Wald echt nicht unbegründet. Überall raschelte es, das wenige Licht, das der Mond spendete machte erschreckende Schatten, die mal auftauchten und dann wieder weg waren und der Prinz hatte das Gefühl, nicht alleine zu sein, denn immer und immer wieder hörte er eine Stimme, die beschwörend krächzte: „Du bist nicht allein, junger Prinz!“

Da rannte der Prinz los und die Äste, die sein junges Gesicht streiften, hinterliessen schmerzende Striemen aber er wollte nicht anhalten und plötzlich entdeckte er in einiger Entfernung ein Licht. Und als er näher kam erkannte er ein Fenster und um das Fenster herum war ein Haus gebaut und in dem Haus brannte ein gemütliches Kaminfeuer. Da war sich der junge Monarch sicher, daß er das Haus seiner Tante erreicht haben mußte. Er klopfte an die Holztür und rief, daß er es sei, der junge Prinz, der Tante Neffe, der kommende König dieses Reiches. Dann war es einen Moment lang ruhig. Der Prinz atmete hastig. Das Rennen hatte ihn erschöpft aber auch die Angst war noch nicht ganz verflogen. Nach einigen Sekunden hörte er, wie schwere Schritte eine Treppe hinunterstiegen und er erinnerte sich an seine Tante, die für ihre schmale Figur bekannt war. Vielleicht trug sie ja diese ultramodernen, orthopädischen Stützschuhe, die tragen ja jetzt alle, sogar die Bediensteten am Hof tragen die und eigentlich würde er das gerne verbieten, doch seine Gedanken wurden unterbrochen als die Tür aufging und er einem riesigen, furchterregenden Bären ins hasserfüllte Gesicht sah.

Der Bär packte sich den erschrockenen Prinzen, schüttelte ihn durch und warf ihn in eine Ecke. Dann schloss er die Tür und setzte sich in einen Sessel. Der Prinz überlegte, was er machen sollte und begann sich zu beschweren, daß das ja wohl total unnötig war, das mit dem Schütteln und das mit dem Werfen ginge ja wohl überhaupt nicht. Der gewaltige Bär aber saß weiterhin im Sessel und hörte zu. Der Prinz gab keine Ruhe: „Ich bin der junge Prinz! Und da dies der Wald meines Vaters ist mußt du mir gehorchen! Mach mir ein Sandwich mit Ziegenkäse!“

Doch der Bär erwiderte: „ Ich habe den Bauch deiner Tante aufgerissen und ihre Eingeweide gefressen, während sie noch lebte und es mitbekam. Und das gleiche mach ich mit dir, wenn du am Ende des Monats nicht gelernt hast, wie man einen Haushalt führt!“

Da war der junge Prinz verwirrt, denn das was der Bär sagte machte im derzeitigen Augenblick keinen Sinn, doch er wollte den Bären nicht noch ungemütlicher machen.

„Na gut! Hähä! Dann bring mir bei, wie man den Haushalt führt! Deshalb bin ich schließlich hierhergekommen.“

Die nächsten Tage wurden sehr anstrengend für den Lehrling, denn er mußte alles machen was der Bär ihm befahl: staubsaugen, wischen, den Müll rausbringen, neue Fenster einsetzen, das Feuer am Brennen halten und kochen, was der Bär von der Jagd mitbrachte und auch die niederen, animalischen Forderungen mußte er erfüllen und so kam es zu groben Zärtlichkeiten zwischen dem Bären und ihm. Und wenn er einen Fehler machte, dann schüttelte der Bär den Prinzen und warf ihn in seine Ecke. Das passierte sehr oft aber der Prinz lernte aus seinen Fehlern und machte immer weniger von ihnen. Abends saßen sie zusammen und redeten über den Tag, manchmal brachte der Prinz den Bären zum Lachen und die Stimmung wurde freundlicher. Eines Abends durfte sich der Prinz sogar aussuchen, ob er beim Bären im Bett schlafen oder ob er die Nacht in seinem nassen, klammen Steinbett verbringen wollte. Da war der Prinz sehr glücklich, denn er durfte sich schon lange nicht mehr etwas aussuchen und er fühlte, daß der Bär trotz seiner oftmals groben Art im Innern ein guter Kerl war und so verbrachten sie die Nacht miteinander und es war herrlich romantisch.

So verging der Monat und der Prinz bereitete sich auf seine Abschlußprüfung vor und obwohl er und der Bär jetzt eine wunderbare Beziehung führten, wollte er alle Aufgaben bestehen.

Am letzten Tag des Monats war es soweit. Der Bär stellte dem Prinzen 3 Aufgaben und der machte sich an die Arbeit: er wischte den Badezimmerboden, den der Bär mit Teer und Eichhörnchen beschmiert hatte und machte innerhalb weniger Stunden eine schmackhafte Pastete daraus. Dann machte er Faden aus Holzrinde und nähte einen Hirschmantel mit gewagten Strassapplikationen. Und während der Bär den Mantel anprobierte und von der Pastete aß, sollte der Prüfling den Kühlschrank abtauen aber er vergass, die Fleischreserven anderweitig zu kühlen und so wurde das Fleisch grau und ungenießbar.

Als der Bär das sah packte er den Prinzen und riss ihn in zwei Hälften. Dann fraß er ihn auf. Noch in der gleichen Nacht machte er sich auf den Weg ins Schloss, gab sich als der Prinz aus und erfand eine fantastische Geschichte, in der er auf dem Rückweg in einen Bär verwandelt wurde und die Leute glaubten ihm, denn zum Beweis trug er den Kopfschmuck und die Ringe des Prinzen und alle waren begeistert, denn er bot an, bei jedem Bürger für einen Tag im Haushalt zu helfen. Seine Eltern umarmten ihn und waren stolz auf ihren Sohn, der bald nach ihren mysteriösen Toden König wurde.

© Sacha Brohm