Tagebuch Erich Honecker – Von Sacha Brohm


Montag 7.9.1987

Bin heute Morgen in Bonn angekommen. Die Zugfahrt war sehr anstrengend. Habe meine Frau Margot beim Umsteigen verloren. Die Hektik hat mich ganz schön ins Schwitzen gebracht und dabei hab ich nur den einen Anzug, denn Margot hat dummerweise meinen Koffer und ich hab ihren. Auf jeden Fall war das mit der Bahnfahrt aber gar nicht nötig. Der Kohl hat später gesagt, daß Staatsgäste immer abgeholt werden. Das Geld für die Karten bekommen wir also zurück. Muß nur noch rausfinden welchen Antrag ich ausfüllen muß. Jetzt muß nur noch die Margot ankommen. Wo treibt die sich nur rum?
Mittags gabs dann das übliche Programm. An Soldaten vorbeimarschieren und grimmig gucken. Kohl war sehr zufrieden mit mir, obwohl ich ein wenig gefröstelt habe. Händchenhalten wie mit Mitterand wollte er nicht. Dafür gabs auch keinen Kuss von mir. Er hat mir auf die Schulter geklopft und gesagt: „Gut gemacht.“ Was für ein Blöder Wichser.
Später wurde ich auch wieder von diesem aufdringlichen Rocker Udo Lindenberg belästigt. Der Kohl hat den absichtlich reingelassen als ich mir das Gesicht gewaschen habe. Da stand dieser penetrante Mann und drückte mir eine Gitarre in die Hand: „ Gitarren statt Knarren“ hat er dazu genuschelt und ich fühlte mich sehr unwohl bei dem Gedanken unsere tapfere Armee mit Gitarren aufs Schlachtfeld zu schicken. War das etwa ein böser Plan der Westdeutschen, also quasi Amerikanischen Regierung? Ich nahm die Gitarre mit einem gekonnt entgegenkommend gespielten Gesicht und verstaute sie flugs in meinem Koffer. Den bekomme ich jetzt nicht mehr zu, denn Margots Kleider sind ja auch noch darin aber die Technik, die in dieser Gitarre steckt könnte unseren Labors weiterhelfen. Dieser Lindenberg ist dann auch schnell gegangen und ich habe mir überlegt, mit welcher Beleidigung man ihn wohl am stärksten treffen könnte. Vielleicht am meisten damit, ihm zu raten so zu bleiben wie er ist.
Vorhin beim Abendessen hab ich mich am Hummer verschluckt. Alle haben geguckt aber ich konnte keine Angst in ihren Augen entdecken. Mir war fast so, als käme es ihnen ganz gelegen, wenn ich hier sterben würde. Und überhaupt: Hummer. Warum gibt’s in solchen Ländern immer Hummer zu essen. In Peru bekam ich einmal lecker zubereitete Meerschweinchen serviert. Ein Traum. Hat die Margot auch gesagt: Ein Traum. Das hat sie gesagt. In diesem Augenblick, mit meinem roten Kopf und den Tränen in den Augen habe ich Margot ganz besonders vermisst.
Der Kohl hat dann auch wieder angefangen von e i n e m Deutschland zu sprechen. Der spinnt wohl. Ein vereintes Deutschland gibt’s nur über meine Leiche. Manchmal wünsche ich mir ja auch, daß es die Mauer nicht mehr gäbe. Vielleicht sollte ich sie einfach mal über Nacht abbauen, so daß es keiner merkt. Und dann sag ich: „Mauer? Was für eine Mauer? Das war doch eine Verschwörung des Westens.“ Das wird aber ganz schön schwer.
Es ist jetzt 23:00 Uhr. Ich hab gerade Margots Kleider anprobiert. Glücklicherweise hat sie einen schicken Hosenanzug aus Jeansstoff eingepackt. Er hat lustige Strassapplikationen auf der rechten Seite. Kleine Schmetterlinge und eine Seelandschaft mit fröhlichen Menschen und einer Sonne, die hell scheint und lacht. Es ist 3D. Ich werde ihn Morgen tragen. Den dazugehörigen Hut setz ich aber nicht auf. Will ja nicht als Exzentriker ins Gerede kommen. Es ist ein bißchen so wie 1970 als ich diesen Traum von Männern in Frauenkleidern und geschminkten Gesichtern hatte. Und Rockmusik dazu und Konzeptalben über elfengleiche Superstars. Damals nannte ich es Glitzerfantastik. Dann kam der Westen und nannte es Glamrock. Ein bißchen fühle ich mich zurückversetzt in diese Zeit. Besser aber ist, wenn ich jetzt schlafen geh.

Dienstag 8.9.1987

Habe sehr früh mit dem ZK telefoniert. Alles läuft wie geplant. Das ist sehr wichtig. Ansonsten käme unser Plan durcheinander. Und das wäre nicht geplant. So wie 1963, als uns aufgefallen ist, daß bei der antifaschistischen Säuberung vergessen wurde alle Heinrich-Himmler-Alleen umzubenennen. Das war schon ein kleiner Skandal. Unsere Ablenkung mit dem Kennedymord hat uns da aber ganz elegant rausgehauen.
Fortschritte gibt es auch in der Sache mit unseren Nachbarsjungen. Die beiden, die unseren Rhododendronstrauch angesteckt haben sind eifrig dabei die anderen beiden Nachbarsjungen zu beschatten. Werde schon noch rausfinden, wer uns immer die obszönen Zeichnungen in den Briefkasten wirft.
Gleich geht es mit dem Tagesprogramm weiter. Auf der Liste steht ein Zoobesuch, eine Supermarkteröffnung und ein Interview mit einer Schülerzeitung aus dem rechten Lager.

Was für ein Tag. Margot ist in Oberammergau. Sie hat sich total verirrt. Sie hat bei Familie Kohl angerufen und die läßt sie nun nach Bonn holen. Diese Tickets muß sie allerdings selber zahlen, denn eingeplant war nur eine Fahrt von Ost-Berlin nach Bonn. Da bin ich trotzdem schon sehr froh darüber. Ohne die Margot halte ich das nicht länger aus. Der heutige Tag war grauenvoll. Im Zoo hat mir ein Elefant den Hut vom Kopf gestohlen. Ich hatte ihn doch aufgesetzt, weil es so sonnig war und außerdem gehört er einfach zum Ensemble. Der Elefant hat sich ihn geschnappt und sich selbst aufgesetzt, dann stolzierte er arrogant vor uns hin und her und wackelte albern mit dem Hintern.. Alle haben gelacht. Ich hab mich geschämt. Was für ein abscheuliches Tier. Werde veranlassen, daß unser Elefant zu Hause erschossen wird. Den Hut habe ich nicht wiederbekommen aber der Kohl hat so eigenartig angemerkt, daß er mir ja einen neuen kaufen könne. Da hab ich zugestimmt, schließlich ist das Margots Hut.
Und dann diese Pleite bei der Supermarkteröffnung. Da waren so viele Menschen und jubelten und ich dachte schon, das sei ja wohl unglaublich schön aber dann bin ich durch den Eingang der Filiale und die Diebstahlsicherung ging los. Da ich der einzige war, der durchgegangen war mußte ich es gewesen sein, der etwas geklaut hat. Ich hatte aber gar nichts geklaut. Jedenfalls nicht bewusst. Auf jeden Fall hat mich die anwesende Polizei durchsucht und ich mußte alle Metallgegenstände auf einen Tisch legen. Aber nichts hat geholfen. Immer wieder von Neuem fingen die Sirenen an zu heulen. Und alle haben gelacht. Letztendlich waren es die Strassapplikationen, auf die das Sicherheitssystem angeschlagen hat. Ich mußte das Oberteil also ausziehen und noch mal durchgehen. Zum Glück gab es kein Sirenenheulen.
Noch anstrengender wurde aber das Interview mit der Schülerzeitung „Knallhart Deutsch“ vom Franziskus-Gymnasium. Unglaublich gewiefte Fragensteller wachsen da heran. Schlimmer als der Spiegel waren diese Medienmonster. Warum ich diesen Hosenanzug tragen würde, und was ich davon hielte, daß der Sozialismus langsam aber sicher sterben würde. Ich habe kein richtiges Wort auf die Reihe bekommen, kann mich nur noch daran erinnern, daß ich in einem unbeobachteten Augenblick den Hauptfrager in den Bauch geboxt habe. Das hat ihn aus dem Konzept gebracht. Niemand hat ihm geglaubt, daß ein 75 Jahre alter Mann in die BRD reist, um den Nachwuchsjournalismus zu missbrauchen. Das kann ich auch zu Hause machen, würde mit Sicherheit ein westdeutscher Kabarettist sticheln.
Gegen 20:00 Uhr war dann Schluß mit dieser lächerlichen Farce. Ich konnte auf mein Zimmer und da saß auch schon die Margot. Ganz zerzaust war ihr graues Haar und in ihrem Gesicht konnte ich erkennen wie sehr sie gelitten haben muß. „Sprich zu mir“ habe ich ihr gesagt. „Sprich zu mir, wie du noch nie zu mir gesprochen hast!“ Und dann begann sie zu weinen und ich hörte mir ihre Geschichte an. Ganz zum Schluß aber fragte sie mich wieso ich ihren Hosenanzug tragen würde und nun fing ich an zu weinen und zu erzählen und etwas später legten wir uns auf unser Bett und wir liebten uns, wie nur zwei Verfolgte sich lieben können, zwei, die vorsichtig geworden sind und die eine Gesellschaft wie diese nicht verstehen, wir liebten uns heftig und waren gleichzeitig zärtlich, liebkosten uns und überlegten uns wunderschöne Namen für die Dinge, die wir machten, Dinge, für die es noch keine Namen gab. Wir zwei waren eine neue Gesellschaftsform und ich verstand, daß egal wo man sich befand, man immer ein Individuum bleibt, wie sehr man auch in der Masse aufgeht. All das wurde mir klar, während wir uns liebten. Ich werde den Nachbarsjungen sagen, daß sie mit dem Bespitzeln aufhören können. Das macht keinen Sinn. Ich werde ihre Väter einfach gleich einsperren lassen.

© Sacha Brohm