Husemanns auf meinem Schoß – Von Stefanie Schröder
Neulich war ich im Theater. Das war leider kein Spaß, was aber in diesem Fallenicht an der Vorstellung lag, sondern an den tumultartigen Szenen vorher.
Durch einen „EDV-Fehler“ (Originalzitat Kassenfrau) war das Theater überbucht. Das heißt, dass ein nicht geringer Anteil an Plätzen doppelt verkauft worden war – zum einen an Abonnenten, zum anderen an „freie“ Besucher. Was die Lufthansa schon lange praktiziert, sorgte im heimischen Stadttheater für allerlei Aufruhr – vielleicht weil es keine Gutscheine für ein Freigetränk in der Business Lounge gab. Ja wahrscheinlich gab es nicht mal eine Business Lounge.
So standen also allerlei Menschen mit ärgerlichen Gesichtern nur halb flüsternd im Zuschauerraum und schauten ratlos auf die bereits gut gefüllten Sitzreihen. Was sonst eher einem geordneten Einmarsch gleicht, war nun das Chaos schlechthin. Aufstehen. Hinsetzen. Wieder aufstehen. Ein Blick auf die Platzkarte, ein vergleichender Blick auf den bereits belegten Platz. An der Seite umkreiste eine Horde Unmutiger eine schon recht aufgelöst wirkende Endfünfzigerin, die mittels einer Liste in ihrer Hand nach Kräften bemüht schien, System in die Sache zu bringen – aber offensichtlich scheiterte. Nun, was scherte es mich? Ich saß bereits.
Da nahm ich aus den Augenwinkeln wahr, dass sich sämtliche links von mir sitzenden Menschen erhoben, um die Listenfrau durchzulassen, die sich trotz beleibter Figur erstaunlich behände zwischen den Sitzreihen durchquetschte. „Guten Tag, sind Sie Herr und Frau Husemann?“ Die Dame mit der Liste hatte mich erreicht und stand nun schwitzend und mit roten Flecken am Hals vor mir. „Nein“, sagte ich – vielleicht etwas überfreundlich. „Dann können Sie hier nicht sitzen bleiben!“ Ich schluckte. Auf keinen Fall wollte ich meinen Platz kampflos hergeben. Hilfe suchend griff ich nach meines Liebsten Hand und sagte tapfer: „Entschuldigen Sie, aber ich habe Karten für diese Plätze. Da sehen Sie: Reihe 5, Plätze 47 und 48.“ Ich hielt ihr meine Karten hin. „Aber das sind die Plätze von Herrn und Frau Husemann“, blaffte die Schwitzende und stellte ihren Bequemschuh auf meinen Fuß. Autsch. „Nein“, rief ich, diesmal vielleicht eine Spur zu laut. „Dies sind die Plätze von Herrn und Frau äh, …also von ihm und von mir… Jawohl“. „Und wann genau haben Sie die gekauft?“ kam es süßlich zurück. Ich hatte ehrlich gesagt keine Ahnung mehr. Wollte sie jetzt etwa die Uhrzeit abgleichen? Ging’s hier um Minuten oder um Kunst?
Aufgeregtes Rascheln und Tuscheln etwas weiter links ließ mich aufblicken und ich sah, wie sich ein Mann und eine Frau ebenfalls in meine Richtung durch die Reihe drängelten. Herr und Frau Husemann, mutmaßte ich. Die beiden hatten ihre Mäntel über dem Arm (na logisch, wenn keine Plätze mehr da sind, gibt’s auch keine freien Garderobenhaken) und sahen, na sagen wir mal „not amused“ aus. Die anderen Besucher in der Reihe langsam auch nicht mehr. Vor allem die beiden älteren Damen, vor denen Husemanns nun zum Stehen kamen, weil ja schon die schwitzende Listenführerin die Reihe verstopfte, guckten arg bedrängt, hatten sie doch Husemanns Loden im Gesicht.
Mir war warm. Mein Fuß tat weh und ich wollte Husemanns nicht auf den Schoß nehmen. Ich wollte mich auch nicht streiten, wann ich meine Karten gekauft hatte. Ich wollte einfach nur in Ruhe das Stück gucken. Ich sah mich um und musste feststellen, dass die Zahl der freien Plätze auf gar keinen Fall mit der Zahl der noch stehenden Besucher überein zu bringen war. Nur ganz vereinzelt leuchtete irgendwo eine freie Rückenlehne. Also zog ich mein noch nicht ausgesprochenes Angebot, Husemanns den Platz zu überlassen, heimlich wieder zurück. Obwohl: Ein bisschen regte sich mein schlechtes Gewissen. Hatten meine Eltern mir nicht jahrelang eingetrichtert, dass man für ältere Menschen aufsteht? Und Husemanns waren eindeutig älter. Aber andersrum war es ja, sagen wir mal, nicht notwendig, dass Husemanns hier standen, oder? Ich meine, schließlich war das hier kein Bus, der Menschen befördert, die von A nach B müssen, sondern einfach nur das Stadttheater. Und so alt waren Husemanns nun auch wieder nicht…
Außerdem: Vielleicht wäre es ja geradezu mal eine Abwechslung, wenn die beiden schon lange verheirateten einmal einen Abend getrennt sitzend verbrachten. Dann hätten sie anschließend genügend Gesprächsstoff für einen gemütlichen Abend. „Du Schatz, stell dir vor: Der Mensch neben mir ist nach der Pause eingenickt.“ oder „Ich finde, dass immer die linke Armlehne zum Sessel gehören sollte, wenn sich jeder daran hielte gäbe es keinen Streit!“
Ich hörte das Gespräch schon förmlich, als plötzlich die Listenführerin ihr ganzes Gewicht auf das Bein verlagerte, an dessen Ende der Fuß war, der wiederum auf meinem stand. „Spielbein, Standbein“ schoss es mir aus unerfindlichen Gründen durch den Kopf. Der Schmerz schoss auch. Und zwar mein Bein hinauf. Ich stöhnte. Die Listenfrau wedelte mir mit ihrer Liste vor dem Gesicht herum. „Na, was ist nun? Stehen Sie auf?“ fragte sie mit einer Stimme, mit der sie mühelos auch Sätze wie „Hey Du! Die Stadt ist zu klein für uns beide!“ hätte synchronisieren können.
Ich registrierte, dass mir langsam der Schweiß den Rücken hinunter ran. „Entschuldigung, mein Fuß…“, setze ich an. Erfolglos. Die Beleibte blieb völlig ungerührt – im wahrsten Sinne des Wortes. Ich versuchte zu ziehen, aber das kam einer Amputation gleich und die wollte ich mir noch aufheben, bis ich irgendwann mal in eine Gletscherspalte fiel…
Auch ohne einen Spiegel zur Hand zu haben wusste ich, dass sich nun auf meinem Hals deutliche rote Flecken abzeichneten und mein Make-up war wohl auch dahin. Welcher Teufel hatte mich eigentlich geritten, ausgerechnet ins Theater einen Rollkragenpullover anzuziehen? Irgendwie roch es hier doch auch leicht nach Schweiß…
Ich warf einen Blick auf meinen Liebsten – der wiederum seinen Blick gerade ins Programmheft heftete. Wohl kaum aus Desinteresse, sondern sicher aus taktischen Gründen.
Meine Gedanken überschlugen sich. Vielleicht sollten wir wie einst Bonnie und Clyde aus dem Gebäude stürmen – vorzugsweise über die Rückenlehnen der anderen hinweg?
Ich sah mich nach einem geeigneten Fluchtweg um und stellte fest, dass jetzt einzig und allein noch Husemanns zwischen den Reihen standen. Alle anderen Doppeltbelegten hatten offensichtlich einen Platz gefunden oder das, wie ich fand, total überheizte Theater bereits wieder verlassen. Ich hatte Durst. Meine Kehle war wie ausgetrocknet, meine Zunge klebte am Gaumen, meine Haare am Kopf. Mein Herz klopfte schneller und schneller. Ich umklammerte meine Sitzlehnen (beide!) und sank tiefer ins Polster. Mein linker Fuß war inzwischen gefühllos, was in diesem Fall eine echte Verbesserung darstellte.
Warum bloß half mir keiner? Wenn ich auf der Hundewiese meinen Hund wegen irgendeines Ungehorsams zurecht wies, mischten sich doch auch immer ein halbes Dutzend Spaziergänger ein. Wo waren die denn jetzt? Ich warf einen Hilfe suchenden Blick in die Runde, aber ein Großteil der Besucher schien wie mein Liebster ins Programmheft vertieft, während der andere Teil den Bösewicht des Abends offensichtlich bereits gekürt hatte…
Wie die Schlange das Kaninchen, verfolgte die Listentante jede meiner Bewegungen. Minuten wurden zu Stunden. Ihrem Auge entging nichts. Diesem bohrenden Blick konnte ich nicht mehr länger standhalten. „RUHE da vorne“, rief jemand. „Ja gerne“, dachte ich und versuchte erneut meinen Fuß unter dem der Listenträgerin wegzuziehen. Der kleine Zeh fühlte sich an, als wäre er ab. Beim Gedanken daran, wie er später am Abend womöglich aus dem Socken kullerte, wurde mir vollends übel. Mir war nicht mehr nach Theater zumute. Ich war den Tränen nahe und suchte in meiner Tasche nach einem Tempo, dass ich als weiße Fahne der Kapitulation hätte benutzen können. Oh Schreck – mir wurde langsam schwarz vor Augen. „Nicht auch noch ohnmächtig werden“, dachte ich – merkte dann aber, dass es einfach die Deckenbeleuchtung war, die da langsam ausging. Das Stück fing an.
„Na dann also nicht“, rief die Resolute, faltete ihre Liste und drängte Husemanns mit den Worten „Oben ist auch noch genug Platz“ aus der Reihe.
Kaum waren die drei weg, raffte ich eilig meine Sachen zusammen, nahm meinen sprachlosen Liebsten an der Hand und verließ genau in dem Moment, in dem der Hauptdarsteller die Bühne betrat, mühsam auf einem Bein hüpfend das Theater.
Ich hatte noch vierzehn Tage danach kein Gefühl in meinem kleinen Zeh.
© Stefanie Schröder