Wenn ich einmal reich wär’… – Von Stefanie Schröder
Manchmal träume ich davon berühmt zu sein. Nicht nur so ein bisschen berühmt, wie zum Beispiel Heike Makatsch, sondern so richtig berühmt. Mindestens wie Madonna oder Meg Ryan oder Julia Roberts.
Wenn ich wählen könnte, wäre ich auch eher so der Meg Ryan Typ: Hübsch natürlich, aber auch so nett, dass einen jeder zur Freundin haben will. So wie Jennifer Aniston. Jennifer Aniston zu sein wäre toll. Die will auch jeder zur Freundin haben.
Ich wäre sozusagen das deutsche Pendant zu Meg Ryan und Jennifer Aniston.
Deutsch und berühmt. Und reich. Natürlich.
So reich, dass ich mir als erstes das lästige Fett absaugen lassen könnte, das sich völlig überflüssiger Weise in meine in der Kindheit gebildeten und wegen regelmäßig erreichbarer Nahrungsquellen nie benötigten Fettzellen eingelagert hat. Ich werde jetzt auf gar keinen Fall ins Detail gehen und erzählen, welche Stellen ich speziell meine. Aber wenn dann alles verheilt wäre, würde ich mit meinen schönen neuen Beinen und meinem neuen knackigen Po ins nächste Geschäft gehen und kurze Röcke und enge Hosen anprobieren und den Satz sagen, der all das Leid, das so eine OP möglicherweise mit sich bringt, in den Hintergrund stellt:
Hören Sie, die Hose schlabbert. Haben Sie die noch eine Nummer kleiner?
Mein nächster Weg wäre natürlich der zum Friseur. Ich bin zwar ganz zufrieden mit meinen Haaren, aber ein bisschen die Konturen schneiden geht doch immer und ein paar neue Strähnchen könnte ich auch gebrauchen. Während die sündhaft teure Haarpackung einwirkt, würde ich Cappuccino trinken und nachsehen, ob in den einschlägigen Zeitschriften neben dem Neuesten aus den Königshäusern auch etwas über mich drin stünde. (Und natürlich wäre das so – ich wäre ja berühmt).
Wenn ich übrigens erst reich wäre und nicht berühmt, dann würde ich mich selbst entführen und dann irgendwo am Ende der Welt wieder auftauchen – natürlich nachdem ich ein Wahnsinns-Lösegeld an mich selbst bezahlt hätte. (Eine tolle Idee, auf die mich Sacha brachte) Und dann würde ich alle meine bis dahin unveröffentlichten Texte als in der Geiselhaft geschrieben veröffentlichen.
Und spätestens dann wäre ich berühmt.
Wenn ich mit dem Friseurbesuch schließlich durch wäre, dann würde ich mit meinem persönlichen Fitnesstrainer eine Runde durch den Park joggen – aber nicht zu wild, sonst wäre ja meine Frisur hin. (Vielleicht sollte ich an dieser Stelle noch über die Reihenfolge nachdenken…)
Danach ginge ich zur Massage – um mich ein bisschen zu entspannen – bevor ich mich am Nachmittag schließlich mit meinen unberühmten und unreichen Freundinnen träfe. Natürlich würde ich unberühmte und unreiche Freundinnen haben, die habe ich ja jetzt auch und sie sind mir nicht nur alle ans Herz gewachsen – es macht sich doch auch gut.
Sie ist so natürlich geblieben. Eine von uns – würde die Presse über mich schreiben und das würde ich sehr gerne lesen.
Den Gang zum Gesichts-Chirurgen würde ich übrigens nicht einschlagen – egal, was jetzt der eine oder andere denken mag. Nein, ich hätte mit Fettabsaugen genug.
Am Ende lande ich sonst mit an aufgepustete Schlauchboote erinnernden Lippen und durch Botox gelähmte Mimik in einer Schicki-Micki Kneipe. Igitt.
Nein, im Moment reicht da bei mir auch noch ein straff gebundener Pferdeschwanz – den Rest sehen wir in zehn Jahren.
Den weiteren Nachmittag hätte ich also frei und würde mal dies tun, mal das.
Am Abend würde ich dann leckeres Essen vom Inder oder Chinesen oder Italiener oder von allen dreien bestellen und ganz entspannt mit meiner Familie um den Tisch sitzen und den Tag ausklingen lassen.
Meine Kinder wären endlich nett zu mir, denn sie wüssten, dass die Drohung, dass ich ihnen sonst die Playstation und den PC zerschieße, keine leere wäre – denn mit so viel Geld könnte ich mir locker eine Waffe leisten oder einen Bodyguard, der gerne zum Spaß auch mal eine Playstation oder einen PC trifft. Es wäre mir ja auch egal, denn ich könnte nach Herzenslust eine neue Playstation anschaffen. Oder einen neuen Bodyguard.
Außerdem könnte ich meine Söhne mit so viel Geld auch in ein Bootcamp nach Amerika schicken.
Die Atmosphäre zu Hause wäre also zum ersten Mal seit langer Zeit wieder angenehm. Der Pubertist und sein Sympathisant säßen freundlich und gesittet am Tisch und nähmen mit mir eine gemeinsame Mahlzeit ein.
Danach könnten sie sich für den Rest des Tages in ihre schalldichte Hütte verziehen, die ich ihnen extra am Ende unseres sehr großen Gartens bauen ließe.
Ich aber ginge an meinen Computer um in Ruhe meine E-Mails zu checken.
Besonders nach Einladungen in TV-Sendungen würde ich Ausschau halten – denn wenn man als Gast in TV Sendungen eingeladen wird, dann ist man meistens schon berühmt und bleibt es auch.
Kommt natürlich auf die TV Sendung an. Deshalb würde ich beispielsweise einen Besuch bei Johannes B. Kerner ablehnen. Der hat zwar möglicherweise ganz gute Einschaltquoten, würde mich aber anöden und dann könnte ich nicht, wie ich es sonst tue, einfach wegzappen, sondern würde womöglich das tun, was ich tue, wenn ich nicht wegzappe: Vor lauter Langeweile einschlafen.
Und das wäre ja wohl ganz schlecht fürs Image.
Ich sehe schon die Schlagzeile: Schröder schläft bei Kerner ein!
Nein, ich würde nur in Sendungen gehen, wo man andere interessante Promis trifft. „Wetten, dass…“ zum Beispiel. Da würde ich meinen Termin dann so planen, dass ich in eine Sendung mit Robbie Williams käme. Ich hab das schon mal mit einem Foto ausprobiert, so auf dem Rechner, da habe ich mich zwischen Gottschalk und Robbie montiert und ich finde wirklich, ich würde mich da hervorragend machen.
Sehr gerne wäre ich auch einmal Gast bei Bettina Böttinger – auch ohne Robbie Williams. Aber ich finde Bettina Böttinger ziemlich klasse und sie lässt die Leute ausreden und ich rede ja gerne aus. Allerdings würde ich nicht so gerne in einer Sendung sein, bei der auch Eva Herman eingeladen wäre. Denn, um Alice Schwarzer zu zitieren, ich möchte Eva Herman nicht durch meine Anwesenheit aufwerten. Schön, wenn man das so sagen kann.
Gerne wäre ich auch Gast bei Christine und Götzi-Mausi in Zimmerfrei. Da stellt sich nicht das Problem, mit welchem anderen Promi ich eingeladen wäre, denn es gibt ja immer nur einen Gast.
Und weil der Gast sich da immer etwas zu essen wünschen darf, würde ich mir dann Eisbein mit Sauerkraut wünschen – nur damit die Zuschauer vorm Fernseher denken: Eisbein mit Sauerkraut? Wie macht die das bloß mit so einer Figur.
Und dann würde ich alle Spiele mitmachen und käme total sympathisch rüber und das Zimmer frei-Bilderrätsel könnte ich im Handumdrehen lösen und am Ende gäbe es nur grüne Karten und keine rote, weil jeder wollte, dass ich in die WG einziehe.
Ach das wäre dufte.
So viel Glitzer und Glamour. Und so viel zu lächeln. Sieht man ja auf den Fotos von Promis. Immer lächeln die. So glücklich wäre ich auch gerne.
Dann könnte ich auch andere Menschen glücklich machen. Mit Spenden zum Beispiel. Oder ich würde nach Afrika reisen und eine Handvoll Kinder adoptieren. Die würde ich dann persönlich abholen und wenn wir dann aus dem Flugzeug stiegen, würde ich ihnen meine Jacke über den Kopf werfen, damit die Paparazzi kein Foto schießen können – das macht man ja so.
Und dann könnte ich mich mit Angelina und Brad und Madonna in einer Interessengemeinschaft austauschen, über das Leben mit kleinen schwarzen Adoptivkindern und die damit verbundenen Chance und Risiken.
Ein Kind aus Russland würde ich eher nicht nehmen. Nicht weil ich Kinder aus Russland nicht mag, aber dann säße ich nachher mit Gerhard und Doris in einer Gruppe und da ziehe ich Brad und Angelina doch vor. Außerdem muss man in Russland aufpassen, sonst hat man nicht nur ein Kind an den Hacken, sondern auch noch ein ganzes Energieversorgungsunternehmen.
Wenn ich es mir Recht überlege, lasse ich das mit der Adoption vielleicht doch lieber bleiben. Schließlich dauert es nicht lange und dann haben auch die kleinen süßen Kinder aus Afrika die Pubertät. Dann sind die gar nicht mehr süß. Und ich könnte vielleicht gar nicht mehr so viel lächeln. Das wäre blöd. Und dann müsste ich womöglich noch eine schallisolierte Kabine an das hintere Ende meines Gartens bauen und das wäre schon arg voll da.
Vielleicht könnte ich mir einfach einen Hund aus dem Tierheim holen oder mich gegen den gerade wieder aufgenommenen Walfang einsetzen.
Ein bisschen Sorge im Hinblick auf eine mögliche Prominenz macht mir meine angeheiratete Tante Petra. Petra ist Friseurin und redet schon von Berufs wegen in einer Tour über andere Menschen. Petra ist so etwas wie die Bildzeitung unsere Familie. Wann immer es geht, informiert sie die bei einer Familienfeier Anwesenden über alle Belange der nicht anwesenden. Petra ist schon recht lange in unserer Familie. Lange genug, um beispielsweise zu erzählen, was sich bei der Taufe ihres Sohnes zugetragen hat. Da war ich gerade 16 Jahre alt und nicht sehr erfahren im Tragen von Röcken. Da ich aber Taufpatin sein sollte, musste ich einen tragen. Lang und schwarz. Vor dem Gottesdienst war ich schrecklich nervös, weil ich größte Angst hatte, den angebeteten Nachwuchs für immer ins Taufbecken zu versenken. So nervös, dass ich dreimal im Gemeindehaus auf die Toilette rennen musste. Das letzte Mal als in der Kirche schon die Orgel erklang. Ich war also eilig, riss mir prompt eine Laufmasche in die ungewohnte Strumpfhose, stopfte mir alles eilig unter den Mantel und betrat im Laufschritt die Kirche durch den Seiteneingang als die anderen bereits am Taufstein standen. Es war übrigens ein normaler Gottesdienst und die Kirche deshalb relativ gut gefüllt. Im Vorbeigehen legte ich schnell noch meinen Mantel auf die Bank und ging zum Taufbecken, als ich hinter mir ein Aufstöhnen hörte. Ich ahnte nicht warum und ging tapfer weiter, aber die entsetzen Gesichter meiner um den Täufling versammelten Mischpoke sagten mir deutlich, dass etwas nicht stimmte. Und dann, ganze 30 Sekunden zu spät, merkte ich es auch: Ich hatte mir beim Hochziehen der Strumpfhose den Rock in die selbige gestopft. Von vorne sah alles aus wie immer, von hinten war es eine Katastrophe. Ich war 16 Jahre alt und für den Rest meines Lebens blamiert.
Noch heute werde ich rot, wenn ich daran denke und bis heute habe ich ein gespaltenes Verhältnis zu Röcken. Wenn ich überhaupt einen trage, dann überkommt mich ein Kontrollzwang, der mich alle halbe Minute nachschauen lässt, ob alles in Ordnung ist.
Wenn ich es mir also ganz genau überlege, dann ist das der einzige Grund, warum ich nicht berühmt sein möchte. Tante Petra könnte die Geschichte ja irgendjemandem erzählen. Wie schrecklich.
© Stefanie Schröder