Rennen nicht Laufen – Von Volker Backes

 

Irgendwann habe ich mir als persönliches Ziel gesteckt, bis zu meinem 40sten Lebensjahr einmal am Hermannslauf teilzunehmen. Der Hermannslauf führt über gut 30 km auf dem Kamm des höchsten Gebirgszugs meiner Heimatregion. Gemessen an überregionalen Maßstäben ist der Teutoburger Wald nicht hoch, aber es reicht, um literweise Schweiß zu vergießen und zu erfahren, was echte Qualen sind. Und höher als die ein, zwei Erdwellen in Mecklenburg-Vorpommern sind unsere Hügel allemal.

Als der Plan reifte, war die 40 so abstrakt wie ein Sechser im Lotto und so strichen die Jahre ins Land. Ich legte den Plan auf die lange Bank und meinen Bauch in die Sonne. Der begann, umgeben von guter Luft und gutem Gesöff, unaufhörlich zu wachsen. Nun bin ich 38 und habe noch zwei Versuche, will ich nicht mein Gesicht verlieren oder mit doofen Hilfskonstruktionen die Grenze nach hinten verschieben.

Streng genommen habe ich bereits vor zwei Jahren das Lauftraining wieder aufgenommen, aber man glaubt ja gar nicht, wie viele Schweinehunde so in einem selbst wohnen. Selbst wenn morgens der Blick in den Spiegel nachhaltig den Tag verdirbt, weil die aus dem Ruder laufende Gürtelzone nach körperlicher Betätigung nur so schreit, bilden nach Feierabend unaufgeräumte Wohnungen, plötzlich einsetzende Müdigkeit und quälende Hungergefühle unheilige Allianzen, die allzu fromme Vorsätze schnell über Bord wandern lassen. Hat man sich trotzdem überwunden und die Laufklamotten schon an, rufen garantiert sogenannte Freunde an, die einen in die Freizeitzone locken und in sinnlose Dialoge verstricken. Jens ist immer besonders hartnäckig. „Ich kann nicht mitkommen, ich will raus.“ „Biergarten ist doch draußen.“ „Nein, ich will laufen.“ „Wir können ja zu Fuß gehen.“ „Ich spreche von joggen.“ „Joggen? Aber du warst doch erst vorgestern!“ „Na ja, aber morgen kann ich nicht und eigentlich wollte ich doch viermal diese Woche…“ „Oh, Gott“, röchelt es dann aus dem Hörer, „Harald Norpoth: Ich-brauche-täglich-18-Ki-lo-meeeh-täär!“

Harald Norpoth war ein ausgezehrter und ausgezeichneter Langstreckenläufer, der irgendwann, von der Laufsucht getrieben, seinen Job wohl nicht mehr ganz freiwillig ausübte und unerbittlich und verzweifelt versuchte, sich gegen die unheimliche Überlegenheit schwarzafrikanischer Läufer zu stemmen. Einmal brach er siegreich im Ziel zusammen, wurde von Helfern gestützt und vor eine Kamera gezerrt. „Herr Norpoth, wie fühlen Sie sich?“, fragte der Reporter aufgeregt. Das einzige, was Harald Norpoth herausbrachte war ein ebenso eindringliches wie einleuchtendes „H-eh-h-eh-h.“ Sein Blick aber verriet, dass er unterwegs den Teufel gesehen hatte, und dieser dem Läufer versprochen haben musste, wiederzukommen.

Heutzutage, so scheint es, reichen keine Fighterqualitäten mehr aus, um mit dem ästhetischen, leichtfüßigen Laufstil der Afrikaner mithalten zu können, die scheinbar ohne größere Qualen über die Bahnen fliegen. Sie können sich wohl nur noch selber schlagen, wie vor Jahren jener Kenianer, dessen Spezialität es war, etwaige Konkurrenten beim 10.000m Lauf mit einem Schlussspurt (!) über drei Runden mürbe zu machen. Irgendwann hatte er sich aber einmal in der Ödnis von 25 Runden im Kreis verzählt und startete seinen für die Gegner todbringenden Sprint bereits fünf Runden vor Ultimo. Der Reporter wähnte sich bereits als Augenzeuge einer Weltsensation, doch der Blick des Läufers verriet ernste Enttäuschung, als er vor seiner vermeintlich letzten Runde jene Glocke vermisste, die eben die letzte Runde eines jeden Rennens einläutet. Irritiert sah er sich um, lief noch weiter, musste aber alsbald seinem hohen Tempo Tribut zollen und gab schließlich 400m vor dem Ziel erschöpft auf.

Mit solchen Höchstleistungen haben mein Laufkumpan Markus und ich nichts zu tun, auch wenn Markus unsere Konstitution mitunter ein wenig zu optimistisch beurteilt. Wenn wir uns stabilen Anstiegen stellen, klingen wir wie Schoßhündchen, denen Frauchens Halsband die Luft abschneidet. „Scheiß fünf Kilo zuviel“, keucht Markus dann hinterher bei seiner Erfrischungszigarette. „Meinst du nicht, dass es eher an den zwei Schachteln Zigaretten täglich liegt?“, frage ich dann besorgt und verweise auf unsere nicht mehr ganz jungen Jahre. „Quatsch“, winkt er ab, „früher ging das doch auch. Fünf Kilo weniger und wir laufen den Hermann locker unter drei Stunden.“

Im Gegensatz zu mir, ist Markus die Strecke bereits einmal gelaufen, und wer einmal die Distanz bewältigt hat, scheint hinterher nicht mehr der selbe zu sein. Plötzlich läuft man nicht mehr aus Spaß sondern gegen die Zeit. Vor allem wohl gegen jene, die einem wegläuft. Mein Vermieter, ein netter Mittvierziger, hatte vor zwei Jahren wegen einer Knieverletzung die Teilnahme am Lauf ärztlich verboten bekommen. Also wanderte er die Strecke, allerdings in vier Stunden! Mancher Fahrradfahrer hätte Mühe gehabt, dem Mann zu folgen. In meinem Haus wohnen nicht weniger als fünf Hermannslaufteilnehmer und mein Vermieter ließ es sich nicht nehmen, dieses Jahr die Ergebnisse auszuhängen. Die Zeiten legen die Vermutung nahe, dass bei meinen Hausmitbewohnern entweder die Chemie stimmt oder sie Abkürzungen kennen, die auf keiner Karte verzeichnet sind. Sollte ich nächstes Jahr auch teilnehmen, werde ich das mit Maske tun, um unerkannt zu bleiben und im Vorfeld einen Anwalt einschalten, der die Veröffentlichung meiner Laufzeit unterbindet.

Die Olympischen Spiele verfolgten Markus und ich mit großem Interesse. Schließlich gehören wir als Läufer ja nun auch zur Sport treibenden Elite. Wir überlegten, wie schnell wir wohl wären und beschlossen, im hiesigen Sportstadion einen 400- und einen 1000m Lauf durchzuführen. Siegesgewiss im Vertrauen auf unsere gute Kondition stoppten wir die Zeit. Markus lief die 400m ganz passabel, brach jedoch im Ziel zusammen und verlangte nach einem Sauerstoffgerät. Noch Tage später beschwerte er sich über einen metallischen Geschmack im Mund.

Danach war ich an der Reihe. Die ersten 200m flog ich über die Bahn, doch nach der ersten Kurve hatte irgendjemand meine Beine entwendet und gegen Pudding ausgetauscht. Ich spürte nichts mehr, keine Bewegung, keinen Widerstand. Die Ankunft im Ziel war hart und bitter, zehn Meter weiter und ich hätte kotzen müssen. Es war nicht so sehr das Gefühl, doppelt so schlecht wie der Olympiasieger gelaufen zu sein, was mich niederschmetterte, sondern die schnell reifende Gewissheit, dass ich meine 1000m noch verheerender werden würden. Und so kam es auch. Markus raste anfänglich davon, um sich nach 600m beherzt an die Seite zu greifen und ein knappes „Schwarzvoraugen“ aus dem schmerzverzerrten Gesicht zu pressen. Ich erreichte immerhin das Ziel und blieb deutlich unter einer halben Stunde. Wir waren niedergeschlagen. Das mit der angestrebten Olympiaqualifikation 2008 für die von uns ins Auge gefassten Kaiman-Inseln würde verdammt eng werden. Selbst auf einer dünn besiedelten Insel mit lauter Kleinwüchsigen wäre kaum damit zu rechnen, niemanden zu finden, der nicht schneller wäre als wir.

Kurze Zeit später jedoch hatte Markus seinen Kampfgeist wiedergefunden. „Die Zeiten stimmen nicht“, mutmaßte er, „die Runde hier ist länger als 400m, jede Wette!“ Ich mag darauf nicht vertrauen. Morgen rufe ich Dieter Baumann an und frage ihn, wo er seine Zahnpasta kauft. Und dann kommen wir wieder. Jede Wette!

© Volker Backes